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Wanderung auf dem Jakobsweg entlang der spanischen Atlantikküste (Mai 2016)


Bereits nach meiner ersten Wanderung auf dem Jakobsweg vor neun Jahren von Norden bis nach Frankreich stand für mich fest, dass ich dann und wann auf den Jakobsweg zurückkehren würde. Anfang des Jahres buchte ich ein sehr günstiges Flugticket zur baskischen Hafenstadt Bilbao, von wo ich Anfang Mai startete. Dort verläuft einer der Jakobswege entlang der spanischen Atlantikküste, der sogenannte "Camino del Norte".

Die erste Nacht war ich bei einem Pärchen aus Bilbao privat eingeladen. Den Kontakt hatte ich vorab über eine Couchsurfing-Seite im Internet hergestellt. Am nächsten Morgen zeigte mir mein Gastgeber Néstor ausgiebig die moderne Universitäts- und Hafenstadt Bilbao, und mittags ging es los. Ich startete in der Nähe des Guggenheim Museums und wanderte bis nach Portugalete mit seiner berühmten Hängebrücke.
Die wunderschöne Pilgerwanderung entlang des Atlantiks und durch malerische Dörfer ermöglichte es mir, von den Sorgen und Problemen des Alltags "loszulassen", und das Bewusstsein wieder zu stärken, dass es noch andere Dinge gibt als Konsumdenken und das ewige Streben nach Erfolg, was auch immer man darunter verstehen mag. Gibt es nicht noch andere Dinge im Leben als das neueste Smartphone zu besitzen oder anderen zeigen zu können, was man sich alles leisten kann? So fand ich auf dem körperlich zuweilen beschwerlichen und seelisch doch so wohltuenden Weg die Gelegenheit, mich grundlegend mit mir und meinem Platz in der Welt auseinanderzusetzen. Nachdem ein lieber Freund von mir gerade vor wenigen Tagen überraschend in Norden verstorben war, war es eine regelrechte Wohltat, meine Gedanken von allen Zwängen dieser Welt zu befreien, die doch nicht verhindern können, dass wir alle gleichermaßen sterblich sind und unsere Zeit hier auf Erden nur eine sehr knappe ist. Wie kann man seine kostbare Lebenszeit nutzen, um wirklich glücklich zu sein und dabei anderen Menschen ein wertvoller Freund oder Ratgeber zu sein? Was ist meine Aufgabe? Welchen Plan hat Gott mit mir? Kann ich meine Berufung akzeptieren, "nur" ein Künstler zu sein? Muss ich an mir und meinem Weg fernab vom Mainstream zweifeln oder steht es mir sogar zu, an mich zu glauben? Fragen über Fragen, deren Antworten mir niemand anders geben kann als ich selber oder mein persönlicher Glaube.
Auf dem Weg wie in den abendlichen Pilgerherbergen begegnete ich unzähligen herzlichen und besonderen Menschen, die sich ähnliche Fragen stellten und deren Gespräche mein Leben bereichert haben: Danke Euch allen, liebe Maria, Lisa, Peter, Lena, Néstor, André, nicht zu vergessen die so herzliche und einfühlsame Anna, welche mir nach einem langen Weg unter der Sonne ein herrliches Glas Wasser entgegen reichte, und Danke allen, deren Namen ich leider wieder vergessen habe. Es waren so viele Begegnungen mit unbezahlbar wertvollen Menschen...

Die gemeinsamen Gespräche gaben mir viel Kraft, und jede noch so große Beschwerlichkeit des Weges wurde durch sie leicht zu bewältigen: meine Wanderung führte mich von Bilbao über Stationen in Portugalete, Pobeña, Castro Urdiales, El Pontarrón del Guriezo, Liendo, Laredo, Santoña, Berría, Noja und Güemes nach Santander in Kantabrien.

Geübte Pilger laufen bis zu 25 Kilometer am Tage, Sportwanderer sogar bis zu 40 Kilometer. Sehr bewusst entschied ich mich für vergleichsweise kurze Tagesetappen von ca. 15 Kilometern. Ich wollte alle Eindrücke bis ins kleinste Detail aufnehmen, nichts auslassen. Meine Füße brachten mich sicher entlang herrlichsten Strandabschnitten, Feldwegen und Klippen von Bilbao bis nach Santander. Der direkte Weg mit dem Auto entspricht in etwa 115 Kilometern, doch ich folgte den zumeist längeren Jakobswegen mit vielen Sehenswürdigkeiten, und so legte ich insgesamt in zehn Tagen rund 150 Kilometer zurück.
Eine Umrundung des Felsmassivs von Buciero bei Santoña mit Besichtigung der Festung San Martin aus dem 19. Jahrhundert und steilem Treppenabstieg von über 760 ungleichmäßigen Stufen zum Leuchtturm Faro del Caballo mit anschließendem Wiederaufstieg eben dieser Stufen bei teils strömenden Regen brachten mich an meine körperlichen Grenzen und waren doch so wohltuend für die Seele.

Eine Wanderung auf dem Jakobsweg ist ein sehr intensives Erlebnis und nicht mit anderen Reisen zu vergleichen, insbesondere wegen der bereits erwähnten zwischenmenschlichen Begegnungen. Die meisten Menschen sind sehr aufgeschlossen und hilfsbereit, und so wächst man schnell zu einer kleinen "Pilgerfamilie" zusammen. Man vertraut einander und hilft einander. Besonders faszinierend war auch die Begegnung mit Pfarrer Ernesto in seiner mit sehr viel Liebe und persönlichem Einsatz und der Hilfe von Freiwilligen errichteten Pilgerherberge in Güemes. Er ist fast 80 Jahre alt und hat unzählige Projekte zugunsten armer und benachteiligter Menschen ins Leben gerufen und zum Erfolg gebracht. Mit einem Landrover reiste er über Jahre durch die ganze Welt und gewann Unterstützer für seine Ideen. Pfarrer Ernesto bezeichnet das Leben an sich, aber auch eine Pilgerwanderung als wahre "Universität des Lebens". Wer mehr über Pfarrer Ernesto und sein Wirken erfahren will, gibt im Internet einfach die Begriffe "Ernesto" und "Güemes" ein.

Nun bin ich wieder zurück in Norden, verarbeite meine Eindrücke und sichte meine unzähligen Fotos. Es war wie in einem richtigen Traum.

Nun suche ich weitere Pilger und Interessierte in Ostfriesland - Wer sich ebenfalls für den Jakobsweg begeistert oder ihn mal gehen will, kann gerne mit mir in Kontakt treten. Gerne helfe ich mit Tipps und Ratschlägen weiter. Überdies freue ich mich über weitere Kontakte zu Pilgern und Interessierten in Ostfriesland, welche ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit mir austauschen möchten.

Übrigens finden sich bereits Flüge für unter 30 Euro von größeren Städten in Deutschland zu spanischen Städten am Jakobsweg, und Übernachtungen in den zumeist kirchlichen oder städtischen Pilgerherbergen kosten nicht selten nur 5 Euro oder eine freiwillige Spende. So steht der Jakobsweg auch Menschen mit schmalem Geldbeutel für eine Pilgerwanderung zur Verfügung... oder um mit den Worten von Pfarrer Ernesto zu schliessen: "die Universität des Lebens steht jedem offen!"


Christophe Didillon, 20. Mai 2016


Fotos (Bilder 1-13):

1 Pilgerpass
2 auf dem Weg zwischen Pobeña und Castro Urdiales
3 ich auf dem Weg zwischen Pobeña und Castro Urdiales
4 auf dem Weg zwischen Pobeña und Castro Urdiales
5 bei Tarrueza zwischen Liendo und Laredo
6 Laredo vor Augen - die Hügel am Horizont gehören schon zu Santoña
7 am Strand von Laredo auf dem Weg zur Fähre nach Santoña
8 auf dem Weg die steile Treppe hinab zum Leuchtturm Faro del Caballo auf dem Felsmassiv von Buciero bei Santoña
9 entlang der Küste mit Ausblick auf den zweiten Leuchtturm (Faro del Pescador) auf dem Felsmassiv von Buciero unweit des Strandes von Berria bei Noja
10 und 10b Strandabschnitt von Berria bei Noja
11 dösende Kühe (in eine Richtung "stierend") wenige Kilometer vor Güemes
12 typischer gelber Pfeil als Wegmarkierung des Jakobsweges auf der Rückseite eines Verkehrsschildes am Straßenrand
13 Pilgerpärchen auf dem Weg nach Santander - deutlich erkennbar: die am Rucksack befestigte Jakobsmuschel